14. Tag: Flåmtal
Während der Nacht gab es immer wieder einzelne Schauer. Unsere Gedanken kreisten um die geplante Radwanderung und wir hofften inständig, dass sich das Wetter bis zum Morgen bessern würde.
Als um 7:30 Uhr der Wecker die Nacht für uns endgültig beendete, war von Wetterbesserung leider keine Spur. Auf dem Weg zum Waschraum erkundigte sich Andreas an der Rezeption nach der aktuellen Prognose, diese versprach zwar nachlassende Schauer, erwies sich allerdings als äußerst schwammig… Also entwarfen wir während des Frühstücks einen Alternativplan, der ohne Fahrräder auskam und stattdessen unsere Regenkleidung sowie einmal mehr Lisas Tragekraxe ins Spiel brachte: Wir wollten den Zug nach Myrdal nehmen, dann so weit wie möglich das Tal hinab laufen und irgendwo auf dem Rückweg wieder in die Flåmbahn einsteigen. Gesagt - getan; während Doreen noch das Frühstücksgeschirr wegräumte und die Fotoausrüstung zusammenpackte, lief Andreas mit Vincent und Lisa bereits zum Bahnhof und tauschte dort die Einwegtickets inkl. Fahrradtransport gegen ein Familienticket für Hin- und Rückfahrt ein. Das klappte reibungslos und wir bekamen sogar noch 10 NOK heraus. Inzwischen kam Doreen mit Rucksack, Foto- und Videokamera nach und wir warfen noch einen flüchtigen Blick auf die heute am Kai liegende MS Discovery, bevor wir uns in die Schlange der auf die Abfahrt des Zuges Wartenden einreihten.
Punkt 11:00 Uhr setzte sich die Bahn in Bewegung und schlängelte sich entlang der steilen Trasse bergauf. Die beeindruckenden Ausblicke auf das Tal und unzählige Wasserfälle wurden immer wieder durch kürzere oder längere Tunnel unterbrochen und auch sonst nahm das Regenwetter vielen Panoramen den Reiz. Auf halber Strecke, bei Berekvam, gab es einen Halt, da nur hier die Strecke zweigleisig war und das Passieren des Zuges aus der Gegenrichtung ermöglichte. Ein weiterer fünfminütiger Stopp wurde am Kjosfossen, einem spektakulären Wasserfall direkt hinter einem Tunnel, gemacht. Hier gab es eine kurze musikalische Einlage, bei der eine Tänzerin am Wasser und auf der daneben stehenden Ruine umher wandelte.
Durch einige weitere Tunnel, die zum Teil 360° durch den Berg führten und Fenster nach draußen hatten, gelangten wir schließlich zur Endstation. Gegen 12 Uhr hatten wir den Bahnhof von Myrdal erreicht, wo ein ziemliches Gedränge herrschte. Die meisten Fahrgäste blieben zur Rückfahrt im Zug sitzen, andere stiegen aus, um in die auf dem Nachbargleis wartende Bergenbahn umzusteigen. Wir setzten Lisa in ihre Trage, zogen die Regenjacken über und brachen gegen 12:15 Uhr zur Wanderung ins Tal auf.
Zunächst mussten wir dem Bahnsteig bis zum Ende folgen und dann die Gleise überqueren, um zum Anfang des Wanderweges zu gelangen.
Dieser war anfangs sehr steinig und folgte einem kleinen Bach. Auf dem Kamm der gegenüber liegenden Bergkette lag noch jede Menge Schnee, der Blick ins Tal wurde von Wolkenfetzen versperrt, durch die wir erst einmal hindurch mussten. Auf das erste, noch halbwegs ebene Stück folgten dann einige steile, wiederum sehr steinige Biegungen. Hatten wir zu Beginn schon Zweifel, ob wir diesen Weg mit Fahrrädern und zwei Kindern stressfrei bewältigt hätten, so waren wir uns jetzt einig, dankbar für den Regen zu sein, der uns davor bewahrt hat, diese Strecke mit dem Rad in Angriff zu nehmen.
Wir wanderten durch die Wolken hindurch und kamen wegen ständiger Foto- und Filmstopps nur sehr langsam voran. Während für uns die Wanderung bei dem feuchten Wetter ziemlich anstrengend war, hatte es Lisa auf Papas Rücken warm und bequem und so dauerte es nicht lange, bis sie einschlief. Zwei andere Wanderer überholten uns auf den Serpentinen, weitere Leute schienen heute nicht unterwegs zu sein. Am Ende der Kehren wurde Vincent etwas quengelig, also legten wir eine Rast unter einem kleinen Felsüberhang ein. Von hier aus konnten wir einen der Tunnel mit Fenstern sowie ein Stück des weiteren Streckenverlaufes sehen. Während unseres Picknicks kamen zwei Leute den Weg herauf, die uns offenbar wegen der kleinen Kinder recht überrascht anschauten.
Wir warteten, bis wir den nächsten Zug talwärts fahren sehen konnten, dann brachen wir wieder auf.
Der Weg wurde nun weniger steil und bot ständig neue tolle Aussichten. Immer wieder stürzten Wasserfälle von den steilen Felswänden herab und vereinten sich mit dem neben dem Weg talwärts drängenden, tosenden Bach. Nach einer Weile wurde Lisa unruhig, es wurde schwieriger die Kinder bei Laune zu halten und wir sehnten uns förmlich nach dem nächsten Haltepunkt der Bahn. Nach jeder Kurve hielten wir Ausschau nach der Bahntrasse, zunächst erwarteten uns jedoch ein unbeleuchteter Fußgängertunnel, ein paar Bergziegen am Wegesrand und immer wieder eine weitere Biegung des Weges.
Gegen 15 Uhr erreichten wir schließlich die Schutzhütte am Haltepunkt Blomheller, wo bereits eine junge Radfahrerin saß und rastete. Nach einigen Minuten holte sie ein mehrsprachiges Informationsblatt über die Geschichte des Flåmtals aus dem Rucksack, befestigte dieses in der Hütte und radelte dann weiter. Wir warfen einen Blick auf den Fahrplan, einen weiteren auf die Uhr und sahen uns fragend an. Es war kurz nach 15 Uhr, um 15:09 Uhr sollte der nächste Zug zurück nach Flåm kommen. In Blomheller hält dieser jedoch nur, wenn man vorher das Zusteigen an diesem Punkt mit dem Zugbegleiter vereinbart hat. Sollten wir wirklich das Pech haben, dass uns der Zug hier stehen ließ und wir noch weitere 2,5 Kilometer bis Berekvam laufen müssten?
Es vergingen einige bange Minuten, dann hörten wir den Zug hupen und Andreas ging vor die Hütte, um auf uns aufmerksam zu machen. Zu unserer großen Überraschung kam der Zug jedoch nicht von Myrdal, sondern von Flåm. Da sich das einzige zweigleisige Stück in Berekvam befindet, bedeutete dies, dass in den nächsten Minuten kein Zug in der Gegenrichtung zu erwarten war. Irgendetwas stimmte offenbar mit dem Fahrplan nicht. Wie auch immer, der Zug hielt und der Zugbegleiter fragte, ob wir mitfahren wollten. Wir verneinten, meldeten aber unser Zusteigen für die Rückfahrt an.
Der Zug fuhr weiter und wir gingen zurück in die Hütte, wo wir nun eine Stunde warten mussten. Also gab es zunächst ein weiteres Picknick mit unserem restlichen Wanderproviant. Dann stellten wir Lisas Kraxe in die Mitte und tanzten ein ausgelassenes Powwow um sie herum, um uns aufzuwärmen und die Stimmung etwas aufzubessern. Nach etwa vierzig Minuten betrat ein älteres Schweizer Paar die Hütte. Sie waren von Flåm bis hierher gelaufen und wollten nun ebenfalls zurück fahren.
Um 16:25 Uhr kam endlich die Bahn, mit der wir wieder zurück fuhren; gegen 17:15 Uhr kamen wir geschafft, aber zufrieden auf dem Campingplatz an.
Vincent schaute sich eine DVD an und während Doreen und Andreas abwechselnd duschten, klopfte der kleine Karl an der Tür und wollte mit Vincent spielen. Er und seine Eltern hatten heute eigentlich auch mit dem Rad durch das Flåmtal fahren wollen, haben aber vor dem Wetter kapituliert und den Tag auf dem Platz ausgesessen. Sie hofften auf besseres Wetter am nächsten Tag und waren dankbar für einige Tipps, die wir ihnen geben konnten.
Nach dem Abendbrot brachten wir Lisa rasch ins Bett, während Vincent und Doreen noch einige Postkarten schrieben. Anschließend ging Andreas mit Vincent zum Zähneputzen in den Waschraum und erkundigte sich bei Karls Eltern nach deren weiterer Route, um eventuelle Treffen zu koordinieren.
Zum Abschluss des Tages knabberten wir noch ein paar Salzstangen zu einem Glas Ginger Ale. Da wir aber ziemlich geschafft waren, zogen wir uns bereits um 22:45 Uhr zurück ins Bett.
Gefahrene Strecke: 0 km
Übernachtung: NAF-Camping Flåm (230 NOK)
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